Veggie Day, alte Kamellen und Bevormundung

Die Gemüter kochen hoch, der “Veggie Day” ist brandheiß. Allerdings nur in aller Munde, nicht auf jedem Teller. Eine Idee bauscht sich zu einem regelrechten Aggressionsthema auf und wird im Web mit Begeisterung gepuscht, beschimpft und ausgeschlachtet: Bevormundung, Diktatur, staatliche Willkür….

Ich kann die Gemütswallungen, Ausbrüche und Empörungen recht entspannt verfolgen. Veggie Day hin oder her, ich mag kein Fleisch und bin ausnahmsweise einmal fein raus. Mir macht die Idee kein graues Haar, ich werde lediglich aufs Vortrefflichste (man, was für ein geschwollenes Wort :-() unterhalten. Immer wieder faszinierend, wie kleine Lappalien – ihr könnt jetzt gerne über mich herfallen, aber genau das ist diese Veggie-Empfehlung für mich – hochgespielt werden, während uns wirkliche “staatliche Zwangsverordnungen” oder Eingriffe einfach so nebenbei untergeschoben werden. Fast könnte man da an Taktik glauben: Ablenkung von dem, was wirklich einschneidet / beschneidet, an den Geldbeutel geht. Aber vielleicht möchten wir uns ja auch lieber über Kleinigkeiten aufregen, als gegen wirkliche Bevormundung zu kämpfen. Ist doch ein Sturm im Wasserglas immer noch angenehmer als ein richtiger Sturm, der über das Land fegt und harten Arbeitseinsatz erfordert.
Wie ich gerade jetzt darauf komme und das, nachdem der Veggie-Sturm schon ziemlich durch ist und die Gemüter sich wieder beruhigt haben?

Nein, ich habe keine nachträglichen Schweißausbrüche, wegen Pflicht- oder Nichtpflicht-Fleisch-Tag. Ich spring im Viereck und das jedes Vierteljahr, verärgert und empört. Ich schnaube vor Wut – und das ganz für mich alleine, obwohl es jeden hier betrifft. Aber vielleicht ärger nur ich mich darüber? OK, vereinzelt höre ich Stimmen, die das Zwangsabo und die damit verbundene Zwangsabgabe und Leistung anprangern. Aber die Mehrheit? Schulterzucken, ist halt so, was soll man da machen? Ich reg mich tierisch auf, mal wieder, wegen schon Monate alten Kamelle: Weil mich der Staat dazu “zwingt” mir einen viereckigen Kasten zuzulegen und ihn stumpfsinnig anzustarren. Und dann  bekomm ich indirekt auch noch vorgeschrieben, welche Programme ich schauen muss, wenn das Ding wirklich läuft!

Falls sich jemand fragt, welcher Gaul mir gerade durchgeht: Ich habe wieder Post bekommen, Post von der GEZ. Jetzt lebe ICH meine Gemütswallungen aus. Das hier ist kein Vorschlag sondern glatte Bevormundung. ICH MUSS DIE ÖFFENTLICH RECHTLICHEN SENDER beziehen und eigentlich will ich nicht mal einen Fernseher. Den ganzen Tag hock ich im Büro vor dem Computer und ich wette, ein Grottenolm hat mehr Bezug zu Tageslicht und Frischluft. Mindestens einmal schleiche ich zum Spiegel und linse mit trockenen, rot-glasigen Augen vorsichtig unterm Pony durch, immer mit der Panik im Nacken – jetzt sind sie eckig vom vielen Bildschirm glotzen.

Job, Haushalt, Garten, Pferde (und die restliche Viecherei) – ups, Familie und Freunde fast vergessen -, Fernstudium, durchs Internet hüpfen und wenn’s passt über einem guten Buch einschlafen. Himmel und da soll ich auch noch die eine oder andere Pflicht-Fernsehminute rein quetschen? Denn: Bezahlt ist schließlich bezahlt! Ich kauf ja auch keine Klamotten und lass sie dann im Laden liegen (zumindest nicht absichtlich).

Hier fühle ich mich gegängelt und der Willkür des Staates ausgesetzt. Bei jedem anderen Pay TV Anbieter KANN ich mich für einen Sender entscheiden MUSS ihn aber nicht abonnieren und mit dem entsprechenden Receiver hab ich freie Sicht auf genau das, was ich will! Würde ich die Öffentlich Rechtlichen freiwillig in mein Abendprogramm aufnehmen? Wahrscheinlich nicht. Zu meiner ARD und ZDF Zeit schipperte noch ein strahlender Sascha Hehn *schmacht* über die Weltmeere, da haben wir noch auf’s Christkind gewartet und mit den Eltern den Weihnachtsvierteiler angeschaut.

Bei meinem letzten Tatort trällerte Chris Normen seine “Midnight Lady” während Schimanski über den Bildschirm hechelte. Fußball, Kochshows und Eurovision Song Contest sind einfach nicht meins. Und sorry, bis zu Rosamunde Pilcher hab ich noch einige Jährchen vor mir. Hmmm, liegt es nur am Programm von ARD und ZDF? Eigentlich nicht. Auch die Privaten übertreffen sich inzwischen mit Serien, bei denen sich mir nicht nur die Nackenhaare stellen sondern auch noch die Fußnägel aufrollen. Nein, ich schaue einfach nicht gern Fernsehen, nicht mal wenn ich krank bin.

Und wenn’s an einem regnerischen Tag dann doch mal blau durchs Wohnzimmer flimmert und ich mir einrede, endlich meine bezahlten Gebühren zu nutzen, dann war’s am Ende doch wieder eine DVD oder eine Krimi-Serie auf RTL. – Mist wieder nichts mit den Öffentlich Rechtlichen Sendern und schon wieder umsonst bezahlt.

Fazit: Auch wenn ich nur ganz selten den Fernseher an habe, so würde ich doch gerne selbst entscheiden, welche Programme ich schaue, bzw. für welche ich bezahle weil ich sie gerne schauen würde. Bei Büchern darf ich ja – bis jetzt –  auch noch frei entscheiden, welche ich kaufen und lesen möchte…

3 thoughts on “Veggie Day, alte Kamellen und Bevormundung

  1. Hallo Sisa!
    Ich verstehe Deinen Unmut und habe mich auch gewundert, wie wenig ‘Widerstand‘ die ganze GEZ-Sache hervorgerufen hat. Ich dachte nur, ich hätte den Aufschrei einfach nicht mitbekommen (wie beim 5-Euro-Schein – ich hätte fast die Polizei geholt ;)). Bis vor 1,5 Jahren hatte ich auch keinen Fernseher, seitdem unser Sofa nun jedoch gen TV ausgerichtet ist, fühle ich mich angekommen im Spießerleben. Bevormundung und auch die deutsche Friss-oder-Stirb-Gesetzgebung halte ich ebenfalls für seeeeeehr bedenklich. Über Ausmaß der Kosten und das ‘alle müssen zahlen, basta’ sollte wirklich gestritten werden.
    Andererseits, und nun spricht die Medienwissenschaftlerin in mir: Staatliches, unabhängiges, vom Volk finanziertes Fernsehen MUSS sein! Stell Dir doch nur mal vor, die ersten und zweiten Programme würden fehlen – ich meine mal so prinzipiell. Formate wie Frauentausch und irgendwelches Topmodel-Gekreische sind nicht nur unerträglich, sonder unglaublich. Ich kann sowas gar nicht fassen. Sicher, auch die ersten und zweiten sind so manches Mal auch schon bedenklich und die Angebote zielen offensichtlich auf andere Jahrgänge. Aber: Ich denke hier an Meinungsbildung, Kontrolle, Nachrichten usw. Unabhängiger Journalismus ist und bleibt eine gesellschaftliche Kontrollinstanz. Sicher, das Netz kontrolliert auch, aber es ist eben nur ein Sub-System.
    Und komm, bspw. heute Journal ist doch wirklich gut und wichtig, nicht?!

    Liebe Grüße
    Franziska

    • Hallo Franziska,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und natürlich muss ich dir durchgängig recht geben: Unabhängiger Journalismus muss sein (auch das heute journal :-)), staatliche Fernsehsender – Haken dran! Ich kann Dir auch versichern, dass sich bei mir Schüttelfrost und Brechreiz einstellt, wenn ich nur an so “niveauvolle” Serien wie “Köln 50667” (ich musste doch tatsächlich googeln, wie das Teil genau heißt) denke.

      Wobei es mir momentan weniger um den Inhalt der Sender geht. Mir geht es mehr um die Ruhe: Täglicher Trubel und Lärm im überfüllten Büro, Unruhe daheim dank Nachbarn, die alle an ihrem Leben teilhaben lassen. Für mich ist Ruhe gerade Luxus, den ich mir nicht mit Fernseher, Radio oder MP3-Player nehmen möchte. Mit Sicherheit wird es auch mal wieder Zeiten geben, in denen es mich vor die Kiste zieht und auch die Öffentlich Rechtlichen Sender werden irgendwann mal wieder interessant werden.

      Aber wann das sein wird, möchte ich selbst entscheiden und mich von niemandem bezüglich des Zeitpunktes bevormunden lassen – was aber genau durch die Zwangsabgabe der GEZ passiert und das ärgert mich so ungemein (ok, ich hops schon wieder im Viereck :-))

      Da drängt sich mir auch die Frage auf: Wenn wir schon das Fernsehen / Radio bzw. die Sender aufgezwungen bekommen, was kommt als nächstes? Öffentlich Rechtliche Bücher, Zeitungen, Magazine, Taxis, Musikbands, Restaurants – die wir alle monatlich zusätzlich finanzieren müssen, ob wir sie nutzen oder nicht? Oder vielleicht eine allgemeine Autosteuer, die auch die bezahlen müssen, die kein Auto haben?

      Und mal mit nem Augenzwinkern: Wenn schon kein eigenes Entscheidungsrecht zwecks Fernsehsendern: Bei den Steuern, die wir bezahlen, müssten die Öffentlich Rechtlichen Sender eigentlich mit drin sein…

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