Odyssee mit Herz – Mauersegler die Zweite

Eine halbe Stunde kann ganz schön lang sein, vor allem, wenn man mit Gips und Vogel durch strömenden Regen stapft. Der Regengott meint es heute echt zu gut mit mir. Gipsarm und die Hand mit dem Vogel verstecke ich unter der Jacke, damit wenigstens die beiden nicht nass werden. Dass ich schon triefe und meine Schuhe bei jedem Schritt mit dem Wasser aus der Pfütze fröhlich vor sich hin quatschen ignoriere ich inzwischen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, irgendwann daheim anzukommen. Gerade als ich in unsere Straße einbiege und den ersten Sichtkontakt mit der Haustür habe, lässt der Regen nach. Super, jetzt kann es meinetwegen auch weiterregnen.

Ich seufze und lehne mich erleichtert an die Tür. Oh man, endlich daheim! Nur noch aufschließen und rein in die gute Stube. Nur noch aufschließen? Ein Lacher. Ups, kam das hysterische Gekreische wirklich von mir? Betont unauffällige schau ich mich um, in der Hoffnung, dass keiner außer mir den Kreischer gehört hat. Aufschließen? Mit welcher freien Hand? Und wie bekomme ich den Schlüssel aus der Tasche? Einmal, zweimal, dreimal tief Luft holen und langsam ausatmen, ja nicht durchdrehen! Tasche und Schirm landen hart auf dem Boden. Der Mauersegler wird ganz klein, als ich genervt auf die Tasche dreaufknie um sie zu fixieren und mit der rechten Hand (incl. Vogel) wie von Sinnen am Reisverschluss zerre. Zum Glück erwische ich wenigstens den Lanyard gleich mit dem kleinen Finger und mit einem Ruck ist der Schlüssel draußen.

Wow, die Schlacht ist geschlagen. Mit der Gipshand den Schlüssel ins Schlüsselloch zu bugsieren ist jetzt auch kein Hexenwerk mehr. Oder doch? Drehen, winden, verrenken – egal was ich veranstalte, der Gips hält mich gezielt auf Abstand zum Schlüsselloch. Eine Aktion, die das inzwischen leicht angespannte Verhältnis zwischen uns beiden auch nicht wirklich verbessert. Ich widerstehe dem dringenden Wunsch gegen die Tür zu treten. Nein, es liegt nicht daran, dass ich meine aufsteigende Wut gut im Griff habe – ich habe einfach keine Lust, bei meinem Glück mir auch noch einen Fußzeh zu brechen.

Hinter der Glasscheibe der Haustür bewegt sich was und zwei leuchtende Augen starren neugierig heraus, verfolgen gebannt das Szenario. Ich schwöre, die Katze grinst mich an. Lach du nur du Flohtaxi, dein Napf füllt sich auch nicht von selbst!

Ich streife ums Haus herum, auf der Suche nach einer Kiste. Alles was ich finde ist ein Eimer und ein Handtuch, auch gut! Wir sind nicht ganz einer Meinung. Aber dann gibt der Mauersegler auf, lässt sich abschütteln und duckt sich auf den Eimerboden.

Endlich stolper ich in den Hausflur, strafe die heiter quietschende Katze mit Ignoranz. Die nassen Schuhe fliegen in die Ecke und Eimer samt Vogel verfrachte ich ins Katzensichere Bad. Ein Anruf beim Tierarzt bringt mich nicht viel weiter. Dunkel setzen und wieder fliegen lassen. Hm, da sitz ich nun mit dem Vogel. Zum Glück weiß Google alles! Und schnell werde ich fündig: Mauersegler-Gütersloh von Elisa Ochotta. Ich lese quer, schau Bilder an und lese nochmal nach.

Aha, ganz wichtig, Wasser geben. Da kommt mir die Idee. Arnika-Globuli. Eierbecher raus, zwei Globuli landen im Becher, der Rest springt munter durch die Küche. Macht nix. Ich zerquetsche die Kügelchen mit dem Kochlöffel, ein Schluck Wasser drauf und mit einer Spritze (ohne Nadel) aufziehen. Was sonst Minuten dauert, geht mit einer Hand recht lang, aber es geht.

Der Vogel nimmt die Wassertröpfchen an, die ich ihm auf den Schnabel gebe und scheint ganz zufrieden auf seinem Krankenbett, das ich inzwischen mit Küchenkrepp ausgepolstert habe. Das heißt endlich abtrocknen, Päuschen und einen Kaffee.

Mein Mann schaut misstrauisch von mir zu dem Eimer. Er kennt mich, er weiß, dass wieder irgendwas im Busch, bzw. im Eimer ist. Zögernd ziehe ich das Handtuch etwas zur Seite, das über dem Eimer liegt. Mein Mann mag Vögel, er mag sie am Himmel, wenn sie morgens zwitschern oder je nach Größe mag er sie auch mal auf dem Teller. Aber bei uns im Bad?

Das Auge ist noch mehr aufgeschwollen, an ein fliegenlassen nicht zu denken und die Tierarztpraxis ist am Mittwochnachmittag zu. Heimchen kaufen? Den Zwerg damit füttern? Mein Mann schaut von mir zum Gips und zum Eimer. Hallo, ich würde ja, aber… Er lacht, ich nicht. Ich heb ihm den bemitleidenswerten Vogel hin und er zieht los in Richtung Fressnapf. Die Bemerkung “aber füttern werd ich ihn nicht” hab ich nicht gehört.

Ein Mauersegler frisst von selbst nur im Flug, muss also zwangsernährt werden. Das hab ich schon auf der Website erfahren und falls ich das noch nicht verstanden haben sollte, macht es mir der kleine Kerl auch noch mal ganz deutlich. Eher klaue ich aus der Bundesbank einen Barren Gold, als dass ich ein Heimchen in den Schnabel dieses Seglers bekomme. Frustriert sortiere ich die toten Heimchen. Das Wettspringen mit umher hüpfenden Heimchen erspar ich mir. Google hat noch den Tipp mit Schock gefrieren und portionsweise mit warmem Wasser auftauen ausgespuckt. Ich hoffe, mein Mann schaut nicht so schnell in den Gefrierschrank…

Nein, mit uns dreien wird das nix. Der Vogel sitzt vor mir auf einem Handtuch und kneift den Schnabel so fest zu, dass fast nur noch ein kleiner Strich da ist. Au man, wenn er jetzt einen Krampf bekommt, kriegt er das Ding nie mehr auf. Das Heimchen, das ich ihm mit der gebogenen Pinzette anbiete, interessiert ihn absolut nicht. Und ganz ehrlich, ich habe auch absolut keinen Schimmer, wie so ein Vieh in den Mini-Schnabel passen soll. Also noch mal das Internet befragen. Auf einer Münchner-Seite wird erklärt, wie man den Schnabel aufbekommt und die Heimchen einfach reinsteckt. Ich scheitere schon am Versuch, ohne zwei gesunde Hände geht da nix. Also nochmal Wasser und auf morgen hoffen.

Der Kleine hat die Nacht gut überstanden, das Auge blüht regelrecht und der Schnabel ist noch genauso fest verschlossen wie gestern.Die Suche nach einer Vogelnotfallstation in unserer Nähe verläuft im Nichts. Letzte Rettung: Notfallkontakt der Mauersegler-Guetersloh. Elisa meldet sich schnell und gibt gute Tipps, die unser kleiner Segler schon aus Prinzip beharrlich zu nicht macht. Ok, jetzt gibt es nur noch eins, unser Tierarzt und die Hoffnung, dass der Vogel in die Praxis umzieht.

Unser Tierarzt schüttelt den Kopf, lacht. Er kennt uns gut. Außer unseren Vierbeinern haben wir auch schon Igel und Hühner angeschleppt. Er staunt über das Veilchen, schaut, ob das Auge unter dem Bluterguss überhaupt noch in Ordnung ist. Alles ok. Wir bekommen eine Salbe. Arnika weiter geben und den Kleinen füttern, bis er wieder fit ist. Haha, ich breche fast zusammen – füttern? Da hab ich schon bessere Witze gehört. Vogel – Gips – Gips – Vogel und Schnabel zu wie ein Hochsicherheitstressor. Und ganz ehrlich, mir hat der Segler den Code für die Schnabelöffnung nicht gegeben!

Unser Tierarzt grinst, macht mit meinem Mann zusammen seine Späßchen. Ich grummele, na wartet, auch ihr habt mal wieder irgendein Handicap! Dann zeigt er mir, wie ich den Vogel zum Sperren animiere und auf einmal klappt der Schnabel auf. Fasziniert starre ich auf das riesige Loch, das sich auf einmal auftut. Das ging aber einfach.

Voll motiviert und zuversichtlich geh ich an die Fütterung. Und dann sitz ich vor dem Vogel, animiere, bettel, flehe und verwünsche – nix. Er kauert auf seinem Handtuch und der Schnabel bleibt zu. Den Tressorcode hat er wohl beim Tierarzt gelassen. Ich könnte heulen, schreien, treten. Tief Luft holen und ein letzter Versuch. Resigniert schieb ich ihm das Heimchen hin und streich seitlich damit über den Schnabel, tippe etwas an. Wow, ich zucke zurück. Von dem Heimchen schauen noch kurz die Hinterbeinchen aus dem Schnabel, dann sind auch die weg. Auch die nächsten zwei Tierchen verschwinden nach nur kurzem anfragen.

Stolz, ah, ich könnte platzen vor Stolz und Begeisterung. Nach einer Stunde starte ich den nächsten Versuch und könnte jauchzen. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg, jetzt geht der Schnabel schon von selbst auf…

One thought on “Odyssee mit Herz – Mauersegler die Zweite

  1. Oh man, es ist wirklich viel einfacher wenn man es einmal gezeigt bekommt…zum Glück konnte der Tierarzt helfen;)
    Ja, so ein Mauersegler kostet manchmal echt nerven….aber man hat nachher solche tollen Geschichten zu erzählen!! Danke dafür:)

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