Odyssee mit Herz – Mauersegler

So ein Gips am Arm – zum Glück am linken – krempelt schon das Leben um. Aus 10-Fingersystem beim Schreiben wird auf einmal 1-Finger Buchstaben-Suchspiel. Eine kleine E-Mail oder SMS dauert auf einmal ewig. Das Kauderwelsch, welches dabei herauskommt, ist zum Teil echt peinlich. Aber ich bin ja Anpassungsfähig. Gewohnheiten werden umgestellt und da klappt es auch wieder mit dem Wichtigsten, der Futteraufnahme. Haare waschen lassen und nicht dafür bezahlen müssen, auch nicht schlecht. Zahnseide, Haargummi und Kontaktlinsen erst mal ade. Ach und Schuhe zum Reinschlupfen sind im Sommer eh das Beste, vom Gut aussehen reden wir jetzt mal nicht. Dem Korb mit der Bügelwäsche schenke ich einen bedauernden Blick – ok, nein, das bedauere ich absolut nicht – und freue mich, dass ich mich mit der Couch inzwischen so gut verstehe, während sich die Wohnung wie von selbst putzt. Nein, natürlich putzt sich die Wohnung nicht von selbst. Meine Mutter ist so lieb und gibt für uns die Haushaltsfee. Gaaaanz lieben Dank dafür!!!

Alles spielt sich ein, die Familie arrangiert sich. Ich komme bestens zurecht und mal davon abgesehen, dass ich den Gips hasse, ist er eine Herausforderung aber absolut kein Problem.

Bis, ja bis ein Mauersegler meinen Weg kreuzt.

Mittwochs ist mein Tag der Hoffnung, der Hoffnung, dass endlich der Gips aus meinem Leben verschwindet. Aber was kann man von einem Tag erwarten, an dem es schüttet wie aus Kübeln und die Welt (glaubt man dem grauen, nebligen Himmel) untergehen will? Nichts. Absolut nichts!

Ich steh vor der ambulanten Klinik – natürlich immer noch mit Gips – und meine Laune versucht sich grad in den Asphalt zu schrauben, so tief ist sie gesunken. Es regnet, natürlich, und ich steh da mit meinem Miniknirps ohne Automatik. Wer schon mal mit einer Hand versucht hat, so ein Ding im strömenden Regen aufzubekommen, der kann mit Sicherheit meine momentanen Gedanken erraten. Und was mir da grad durch den Kopf geht, ist nicht von der freundlichsten Sorte. Irgendwie schaff ich es dann doch und mach mich auf den Weg. Statt zwei Stunden auf den Zug warten habe ich mich für 30 Minuten heimlaufen entschieden.

Ein Stückchen vor mir sehe ich auf dem Gehweg etwas Dunkles in einer Pfütze hüpfen und mit den Flügeln schlagen. Amseln. Bei dem Mistwetter baden. Die haben Humor! Mir ist es von oben nass genug, ich müsste mich jetzt nicht auch noch in einer Pfütze wälzen. Ich mach langsamer, damit der Vogel nicht vor Schreck hochfliegt, wenn gerade ein Auto durchfährt.

Dann sitzt er vor mir, mit ausgebreiteten Schwingen, ein Mauersegler. Hmm, mit Mauerseglern kenn ich mich gar nicht aus. Vorsichtig gehe ich in die Hocke und versenke meine Tasche dabei natürlich in der Lache, deren Wasser schon dabei ist, sich durch die Nähte meiner Schuhe zu zwängen. So ein Mist. Der Vogel legt das Köpfchen schräg und schaut mir ohne Angst direkt in die Augen, macht keine Anstalten zu flüchten. Ich lass den Schirm los und strecke zögernd die Hand nach ihm aus.

Schnapp. Noch bevor ich den Vogel umschließen kann, krallt er sich an meinen Fingern fest und mit fest meine ich wirklich fest. Die Füßchen schnappen zu wie eine Falle, sind zu und bleiben wohl auch zu, wobei die Krallen wenigstens nicht weh tun. Das Köpfchen dreht sich auf die andere Seite und ich sehe ein dick zu geschwollenes Auge. Wow, das nenn ich mal einen Blinker. Der Kleine sieht aus, als hätte er Klitschko eine Fliege aus dem Essen klauen wollen. Den Kleinen hier seinem Schicksal überlassen? Nein, das bring ich nicht übers Herz. Die Entscheidung ist auf beiden Seiten gefallen. Einstimmiger Beschluss: Den Heimweg treten wir gemeinsam an.

Da steh ich nun im Regen, mit meinem Vogel in der Hand. Ja, es schüttet immer noch. Und immer noch baden Tasche und Schirm friedlich nebeneinander in der Pfütze, während sich in meiner einzigen, verfügbaren Hand der Mauersegler festgeklammert. Ich versuche ihn durch leichtes Schütteln noch mal auf den Boden zusetzten, doch er denkt absolut nicht daran, auch nur kurz loszulassen.

Es kann doch nicht sein, dass eine so banale Situation – Schirm schließen, Tasche aufheben und heimlaufen – für mich zur Odyssee wird???

Ich schau mich um, ob jemand in der Nähe ist, der mir den Schirm zumachen und die Tasche umhängen kann. Hallo, niemand da? Sonst sind hier massig Leute unterwegs, hetzen die Straße hoch und runter, Urlauber schlendern vor sich hin. Aber bei dem Wetter lassen mich alle regelrecht im Regen stehe. Von hinten kommt ein Radfahrer, aber bis ich reagiere, ist er schon durch. Danke für’s durch die Pfütze fahren und mich ignorieren du Blödmann. Heute gewinne ich mit Sicherheit keinen Preis für Freundlichkeit. Brummig schüttele ich mich wie ein nasser Hund, trete stinkig gegen den Schirm. Das alles trägt nicht gerade dazu bei, meine Laune zu bessern.

Und falls ich es noch nicht gesagt habe: ICH HASSE DIESEN GIPS.

OK. Der Kleine will (und muss) mit, also muss er jetzt da durch. Den Segler schüttelt es etwas und er klettert unwillig einige Millimeter zur Seite, als ich mit Hand, Vogel und Knie den Kampf gegen den Schirm aufnehme. Ich weiß nicht, wie lange der Todeskampf dauert, bis der Schirm endlich nachgibt und in sich zusammensackt. Auch ein Samsonite sollte wissen, wann Zeit ist aufzugeben. Für die Tasche gehe ich in die Hocke, hebe mit dem Gips den Riemen an und schlupfe mit Kopf und Arm durch. Etwas zucken und hampeln und sie hängt richtig. Ich hoffe nur, dass mich keiner sieht. Das gesunde Auge des Seglers starrt mich riesengroß an. Sorry mein Freund, aber wir sind noch nicht fertig. Ich umfasse vorsichtig den fedrigen Körper und fingere mit ihm auf meinem Rücken herum, bis ich die Regenjacke erwische, die mir von der Schulter gerutscht ist. Der Vogel schwankt, kippt und wippt, aber er klammert tapfer, bis ich es endlich schaffe, die Jacke über Schulter und Gips zu ziehen. Man, jetzt bin ich nicht nur nass, sondern auch echt erledig. Auch der Vogel sieht recht mitgenommen aus, als er zu mir hochlinst. Absolut nicht unser Tag heute.

Aber die erste Hürde ist genommen und jetzt machen wir uns erst mal gemeinsam auf den Weg…

5 thoughts on “Odyssee mit Herz – Mauersegler

  1. Was für eine Geschichte … Natürlich passiert sowas, wenn’s junge Hunde regnet !! Ich bin schon super gespannt, wie die Geschichte weitergeht ;-))
    Tut mir leid, dass der Gips immer noch dran ist – wenigstens hat es aufgehört zu regnen ;-))

  2. Das ist eine tolle Geschichte! Auch wenn sie zwischendurch wirklich zum verzweifeln ist….🙂 Ja, mit Mauerseglern kann man wirklich was erleben…und das mit dem “Festkrallen” kommt mir irgendwie bekannt vor.😀
    Ich drücke weiterhin die Daumen für den Kleinen😉

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