Wegen Überlastung geschlossen…

Ich will auf Twitter schnell einen Tweet absetzen, da ploppt ein Bild auf. Ein fröhlicher Walfisch schaukelt entspannt in einem Netz, von kleinen Vögelchen mühelos getragen. Hmm, eigentlich ein nettes Bild.

“Twitter ist überlastet” prangt unter dem friedlichen Bild. Hä? Ich glaub, ich schau grad ziemlich doof drein. Macht nix, bin ja alleine. Da können die Gesichtszüge auch mal ungeniert entgleisen.

Gestern erst hat sich mein iPad eine unplanmäßige und nicht genehmigte Pause gegönnt. Mir erst die Finger auf dem heißen Display hüpfen lassen und sich dann einfach mal weggebiemt, ich bin fassungslos. Überlastet, viel zu heiß – “Ihr iPad muss sich erst abkühlen vor weiterer Benutzung”. Bei 23 Grad! Ab 25 Grad schreit das Ding dann nach Hitzefrei und wandert gleich in den kühlen Keller ab?

Auch das Internet hat wohl durch die großen Temperaturschwankungen schon ab 20 Grad Kreislaufprobleme und steht sich grad mal wieder selbst auf der Leitung. “Die Seite kann nicht geöffnet werden, Zeitüberschreitung”, ich dreh jetzt dann bald durch.

Überlastung überall, wo man hinschaut: Überlastete Server, Leitungen, Rechner, Züge, Straßen – Autobahnen stehen sogar kurz vor einem Kollaps – und… ja, und was ist mit uns?

Wir hetzten von Termin zu Termin, von Aufgabe zu Aufgabe und die Zeit läuft uns wie ein Goldmedaillen-Sprinter davon.

24 Stunden pro Tag, 168 Stunden pro Woche, durchschnittlich 720 Stunden im Monat und stolze 8.760 Stunden Zeit pro Jahr – Eigentlich eine ganz stattliche Stundenanzahl, die wir zur Verfügung haben.

Hmm, wo geht die ganze Zeit hin, in welchem schwarzen Loch verschwindet sie so einfach? Bei mir lässt sich dieses Zeitvolumen jedenfalls nicht blicken. Arbeit, Fernstudium, im Web auf dem Laufenden bleiben, Haushalt, Garten, Pferd, Familie, Freunde – Mein Tag müsste mindestens 48 Stunden haben, damit ich alles unter bekomme oder wenigstens einen großen Teil davon. Nein, definitiv, bei mir vertrödelt sich die Zeit nicht.

Was hat sich geändert, was läuft falsch? Noch vor einigen Jahren habe ich alles gut unter einen Hut gebracht und trotz Überstunden und Privatpflichten auch noch Zeit für Freizeit und zum Entspannen gehabt.

“Wir telefonieren” war damals nicht nur eine Phrase, der eigentlich schon vorprogrammiert eine WhatsApp mit “Sorry, war so viel los, melde mich dafür morgen” folgte. Nach zwei Wochen hat dann auch das schlechte Gewissen verloren und verendet kläglich auf dem Weg zwischen Büro und Supermarkt. Das letzte zaghafte Aufbäumen wird dann am Abend beim Badputzen einfach mit weggewischt – “Wir telefoniere” halt doch nicht.

Der Urlaub steht fest und mit ihm die Panik, ob ich in diesen drei Wochen auch alles erledigt bekomme, was ich mir vorgenommen habe…

Ich muss mit erschrecken feststellen, dass ich nur noch am Rande – zum Glück gibt es Facebook – mitbekomme, was in meinem Bekanntenkreis so geht. Ups, da ist ein Kind auf die Welt gekommen? D.h. das Mädel war schwanger? Im Normalfall ja, neun Monate lang – Autsch, nix mitgekriegt.

Eine Freundin erzählt mir bei einem zufälligen Treffen auf einer Messe vom tollen Urlaub in der Türkei, hebt mir den wirklich natura gebräunten Arm unter die Nase. Ah ja, ihr wart weg? Peinlich, ist mir nicht aufgefallen.

Der tägliche Blick in die Sozialen Netzwerke muss sein, oberstes Gebot: Immer auf dem Laufenden sein. Scrollen, blättern, überfliegen oder ganz überspringen, wenn’s nicht schnell genug geht. Facebook erinnert mich an Geburtstage und ich verschussele sie trotzdem. Ich wollt ja nur noch schnell…

Wir touren durch das Leben, immer das Ziel vor Augen so viel wie möglich auf die Beine zu stellen, vielleicht noch einen drauf zu setzen. Der Lebensraum unseres privaten und sozialen Umfelds wird immer mehr eingeschränkt, an artgerechte Nutzung ist fast nicht mehr zu denken. Das Bild mit dem Twitter-Wal gibt mir zu denken.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Zeit eine Mangelware ist und Themen wie Burnout, Stress und Hetze zum Alltag dazu gehören. Ich wage sogar zu behaupten, wir leben in einem Entwicklungsland, indem es nicht an Wasser, Nahrung und medizinische Versorgung fehlt sondern schlichtweg an Zeit. Und statt einer Dürre quält uns die allgegenwertige Überlastung. Leider wird niemand kommen und uns helfen, wir müssen unser eigener Entwicklungshelfer sein.

Überlastung? Nein Danke!

Umdenken, umorganisieren, nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen wollen…

Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde versuchen, mich bewusster und entspannter zu organisieren.

Twitter und mein iPad haben es mir vorgemacht. Lieber runterfahren, langsamer machen oder auch mal “ausschalten” und die Notbremse ziehen. Nur nicht so enden, wie unsere Autobahnen zur Ferienzeit…

4 thoughts on “Wegen Überlastung geschlossen…

  1. Ein Beitrag, der eindeutig zum Nachdenken anregt. Ich glaube, da werden sich sehr viele angesprochen fühlen. Toll geschrieben!

  2. Ja, sag ich ja immer wieder🙂 24 Stunden sind zu wenig. Ich gönne mir gerade mal eine Zeit, in der ich einfach mal ein Buch nehme, statt immer auf dem Laufenden zu sein. Auch wenn das eigentlich wichtiger wäre. Aber nun ja. Wobei ich mich nach wie vor nicht überlastet fühle, sondern mir einfach nur die Menge an Zeit fehlt. Und die Prioritäten lege ich gerade ganz nach der Tagesform. Was am meisten Zeit kostet ist glaube ich enfach das schlechte Gewissen, dass ich doch das und das alles machen müßte.

    • Hallo Anja,
      da hast recht. Der Zeitdruck lässt sich durch ein Umdenken auch schon nicht unerheblich minimieren. Das Gefühl über Bord zu werfen, es muss immer alles gleich (und möglichst gleichzeitig) erledigt werden und dann ab und zu wirklich drauf pfeifen, wenn man mal was verpasst. Und das mit dem Buch werd ich mir jetzt auch einfach mal gönnen…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s