Neuland Internet – Ein Gedanken wert?

Angela Merkel hat beim Besuch von Obama ihr Neuland gefunden – das Internet. Darüber wurde viel geschrieben und auch viel gelacht. Nein, ich schreibe nicht über Merkels Neuland, ich habe mir vielmehr über mein eigenes “Neuland” Gedanken gemacht.

Definitiv, das Internet war für mich Neuland – 1998, mit meinem ersten eigenen Computer. In der Redaktion bei Burda hatten wir zwar schon seit 1995 Macs, aber noch kein Internet. Ein Neuland technischer Natur, entstamme ich doch noch einer “Steinzeitgeneration”, die ohne Computer, Internet und unvorstellbar – ohne Handy – aufgewachsen ist. Wir haben Räuber und Gendarm tatsächlich noch auf der Straße gespielt, nicht am Bildschirm.

Das Internet öffnete für mich Welten, faszinierte durch bis dahin undenkbare Möglichkeiten. Ein Buch, das ich in Amerika gesehen habe, konnte ich tatsächlich über Amazon bestellen. Große Aufregung! Und ein Beutel Gummibärchen gab’s damals als Geschenk noch dazu. Shopping von zuhause aus! Wow!

Alles ein großes weites Land, welches es bis heute Tag für Tag wieder neu zu entdecken gilt. Aber ist in diesem schönen großen Land namens Internet wirklich alles unbekanntes Neuland?

Wenn ich so darüber nachdenke – nein, eigentlich nicht. Anders, technischer, komfortabler, weitreichender, weltoffener, komprimierter und schneller, digital eben. Aber wurde das Rad wirklich ganz neu erfunden?

Ich konnte auch früher schon von zu Hause aus Sachen bestellen – Otto und Fax sei Dank. Ich konnte Nachrichten per Fax und Post verschicken, Freunde an meinem Leben teilhaben lassen, mich gleichgesinnten Gruppen anschließen, mir Wissen aneignen, mich über Geschehnisse in der Welt informieren, Zeitung und Bücher lesen.

Es war doch eigentlich schon fast alles da – in der guten alten “Steinzeit” – aber eben nicht so öffentlich, grenzenlos, für jeden und jederzeit bereit.

Paperless ist das neue Zauberwort: Bücher und Zeitschriften werden als eBook und eMagazin heruntergeladen. E-Mails lösen inzwischen weitgehendst Briefe und Grußkarten ab. Statt Verzögerungen durch die Post, liegt es heute an den Launen des WLANs. Dienste wie Evernote ersetzten meinen geliebten Collegeblock (den ich trotzdem noch habe und heimlich rege benutze, die vordigitale Steinzeit hat mich eben doch mehr geprägt als ich zugeben will). Auch die gelben Haftzettel, die früher überall klebten und Büro sowie Wohnung wenig dekorativ schmückten sind weitgehendst verschwunden. Selbst der Einkaufszettel ist nicht mehr einfach irgendwo drauf gekritzelt, um nach dem Einkauf unbeachtet im Wagen liegen zu bleiben.

Auch Communities und Soziale Netzwerke gab es schon immer in Form von Interessensgemeinschaften, der Zeit entsprechend allerdings meist ortsgebunden. Statt Brieffreundschaften werden jetzt Facebookfreunde gepflegt. Der Griff zum Telefon erledigt sich damit auch gleich und eine Konferenzschaltung ist sowieso überflüssig. Kann ja jeder alles was ihn interessiert oder nicht interessiert auf Facebook nachlesen und gleich kommentieren.

Selbst “Fake-Accounts” sind schon alt. Statt der falschen Profile musste früher das Postfach zum Schutz der wahren Identität herhalten.

Die Einträge der Klassenkammeraden ins Poesiealbum und Freundschaftsbuch verteilen sich auf unterschiedliche Soziale Netzwerke. Das Zettelchen, das wir verstohlen und mit bangem Blick auf den Lehrer unter der Schulbank durchreichten, schwebt nun als WhatsApp direkt durch die Atmosphäre.

Gefürchtete Diashows von den gut dokumentierten Weltreisen entfallen, stattdessen werden Freunde und Bekannte zu Flickr genötigt, um auch ja kein aufregendes Bild zu verpassen. Twitter nimmt der Tagesschau die meisten Informationen vorweg und informiert oft in Echtzeit rund um den Globus.

Wissen kommt aus dem Netz, die Bezeichnung Enzyklopädie zeichnet bei der Jugend von heute ein großes Fragezeichen ins Gesicht. Dank Wikipedia liegt eine dicke Staubschicht auf der Brockhaus Reihe die noch im Regal steht und Bertelsmann verkündete vor kurzem, sein früher berühmtestes (und sehr kostspieliges) Kind aufzugeben. Heute schlägt keiner mehr in einem Lexikon nach: zu umständlich, zu zeitfressen, zu teuer und vor allem zu unaktuell. Heute wird gleich Google befragt, Google weiß alles.

Viele neue Möglichkeiten für schnellere und weitreichendere Kommunikation. Einfachere Handhabung, für das Hören und Gehört werden.

Neuland? Nein, mit Sicherheit heute kein Neuland mehr sondern ein Land, in dem es einfach viel zu entdecken gibt!

Nur eins bekommt das Internet noch nicht hin, Ausfälle sind Ausfälle. Ob Rechner-, Netz-, Server- oder Stromausfall. Da war das gute alte Papier doch zuverlässiger. Auch bei einem abendlichen Stromausfall konnte mit einer Kerze auf dem Block fröhlich weiter gekritzelt werden. Heute bleibt der Bildschirm vom Rechner schwarz, auch wenn ich 10 Kerzen davor stelle…

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