Wartezimmer-Netzwerk: Neues von der Patientenfront

Der dritte Anflug von Grippe dieses Jahr, wer braucht das? Wohl niemand und ich am allerwenigsten.

Unsere Hausarztpraxis ist momentan gnadenlos überlastet, was lange Wartezeiten bedeutet. Also habe ich Feiertag, Urlaub und Wochenende für den Versuch genutzt, selbständig eine Grippe los zu werden. Eigentlich ein ganz guter Versuch und er ist auch fast geglückt. Am Sonntag ging’s schon besser und am Montag machte ich mich nur noch leicht schniefend und hustend auf den Weg in’s Büro. Den Arbeitstag brachte ich rum, die Grippe erfreute sich bestem Wohlbefinden und meldete sich gegen Abend pflichtbewusst wieder bei mir. Bronchialtee, Salbeibonbons, heiße Milch mit Honig, warme Socken, ein dicker Schal und das Daunendeckbett – wenn das nicht hilft? Natürlich hat es nicht geholfen! Der Dienstag war schleppend und am Mittwoch dann klassisches K.O.
Mittwochs ist keine Sprechstunde, einen Termin beim Hausarzt gab es erst für Donnerstagnachmittag und den netten Rat dazu: Viel viel Zeit mitbringen…

Noch einmal tief Luft holen und rein. Der Geräuschpegel, der beim Öffnen der Tür aus dem Wartezimmer schwappt ist extrem, dann Stille – aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Augenpaare fixieren mich, scannen kurz ab in welche Gruppe ich einzuordnen bin: ein potentieller Gesprächspartner, wirklich krank und vielleicht sogar ansteckend oder gar jemand, der einen Termin hat und daher nicht so lange warten muss.

Ich ergattere noch ein freies Plätzchen hinten im Eck und ernte böse Blicke für einen kleinen Hustenanfall. Hallo, ja ich bin krank, aber ich huste brav in die Armbeuge und fasse auch keine Heftchen an (dies allerdings hauptsächlich aus Selbstschutz, ich will mir ja nicht noch mehr einfangen!).

Nun sitzen wir hier, ich und mein iPad, seit zwei Stunden in die Ecke eines überfüllten Wartezimmer gedrückt – ein Ende ist noch nicht in Sicht. Ich kenne inzwischen die ganze Krankengeschichte der drei älteren Damen links neben der Tür und auch die von deren Verwandtschaft. Nein, ich wollte sie nicht hören, aber sie geben sich wirklich Mühe, alles zu übertönen. Mein Kopf brummt und das Lesen fällt mir schwer. Zuhören und einfach was runter schreiben strengt weniger an. So bekomme ich mit einem Auge auch die Modellbaubilder des Herrn mir gegenüber mit und die tragische Lebensgeschichte der Dame neben ihm. Nichts Neues, die Geschichte kenne ich schon von einem früheren Arztbesuch. Zwei Patienten haben schon aufgegeben und sind gegangen. Ja, so ein Wartezimmer kann schon zu einer Wunderheilung führen, ich bin auch kurz davor.

Ab und zu sortiert sich die Gesellschaft neu. Patienten kommen und gehen auch mal. Neue Gespräche, ähnliche Themen.
Wenn ich es mir genau überlege, ist es eigentlich fast wie bei Facebook, nur dass die Profile mir direkt gegenüber sitzen und ich nicht die Wahl habe, sie als Freunde anzunehmen. *Grins* Ich habe eine neue Form von Facebook entdeckt: Das Wartezimmer-Netzwerk.

Es ist sogar fast wie beim richtigen Facebook. Login am Empfang und dann rein in die Informationswelt.
Natürlich gibt es auch hier welche, die kein Interesse an einer “Netzwerk”-Beteiligung haben. Das sind die, die fast unsichtbar auf ihren Stühlen sitzen, jegliche Gesprächsbeteiligung vermeiden, eilig aufspringen und raus rennen, wenn sie endlich aufgerufen werden.

Und dann sind da die anderen, die nur darauf warten, sich mitteilen zu können, die jede Bewegung im Wartezimmer als Aufforderung zu einem Gespräch sehen und vor dem “Opfer” sofort ihre Kranken- oder Lebensgeschichte ausbreiten und natürlich auch die neusten Informationen über die Nachbarn nicht auslassen. Erst wird noch geflüstert, dann die Lautstärke hoch gedreht, schließlich geht es ja alle was an! Egal wer zuhören muss und ob das Gehörte vielleicht weitergetragen wird. Ein gefundenes Fressen für die, die nur darauf warten, neuen Tratsch aufzusaugen. Ja, hier wird eifrig geteilt und der Dorfklatsch kommt so richtig zum Blühen. Privatsphäreneinstellung – Fehlanzeige. Im besten Fall stoßen die Mitteilungsfreudigen sogar auf willige Austauschpartner und heimsen nicht nur mitfühlendes Nicken (= Like) sondern auch treffende Kommentare ein. Widerwillig erheben sie sich, wenn sie aufgerufen werden, versuchen noch schnell einen letzten kleinen “Post” loszuwerden, bevor sie fast zögernd durch die Tür verschwinden und sich ausloggen müssen – das sind die waschechten Wartezimmer-Nutzer, die sich sehr aktiv beteiligen, am liebsten die ganze Zeit “online” und hier meist regelmäßig anzutreffen sind.

Ich sehne mich nach Facebook, dort kann ich mich jederzeit ausloggen und muss nicht alles lesen, was geschrieben wird – im Wartezimmer-Netzwerk bin ich zwangs-eingeloggt. Endlich werde ich aufgerufen. Ich raffe meine Sachen zusammen, nicke in die Runde und eile – nein, flüchte aus dem Raum…

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